Assistenzarzt in Thüringen
Auf den Zahn gefühlt: Dr. B. ist 30 Jahre alt und in Wien aufgewachsen, wo er auch sein Medizinstudium vor 3 Jahren abschloss. Jetzt arbeitet er als Assistenzarzt in Thüringen und möchte Facharzt für Innere Medizin werden.
Herr Dr. B., als Sie nach einer etwas längeren Studienzeit mit Medizin fertig wurden, wussten Sie schon, dass Sie nach Deutschland gehen werden. Worin lag der Grund dieser Entscheidung?
Dr. B.: Ich wusste schon vor Beendigung meines Studiums, dass ich wegen meines fortgeschrittenen Alters keine Wartezeit in Kauf nehmen werde, die in Wien bekannter Weise mit drei Jahren dotiert ist. Deswegen wollte ich - und bin ich auch - nach Deutschland gegangen, wo ich den Arztberuf sofort mit der vollen Verantwortung und auch dem vollen Verdienst ausüben kann.
Ihre Wahl viel auf ein christliches Krankenhaus in Thürigen. Welche Kriterien haben Ihre Wahl beeinflusst?
Dr. B.: In Deutschland mangelt es praktisch überall an Ärzten und ich hätte es mir aussuchen können; wäre überall mit offenen Armen aufgenommen worden. Ich schaute mir Häuser von der dänischen Grenze bis nach Bayern hinunter an – sei es im Internet oder physisch - und entschied mich für jenes, wo mich die menschliche und fachliche Kompetenz des Chefarztes am meisten überzeugte. Aus rein objektiver und pekuniärer Sicht, wäre die Entscheidung wahrscheinlich anders ausgefallen.
Unsere Leser interessiert es insbesondere, wie es mit dem Gehalt in Deutschland steht. Verdienen Sie besser als Sie es in Österreich täten?
Dr. B.: Beim Gehaltsschema in Deutschland kommen 2 wesentliche Aspekte hinzu, die es in Österreich nicht gibt. Erstens kann sich ein Arzt seine Krankenkassa selber aussuchen, die man zu einem Drittel selbst bezahlt und je nachdem, welche man wählt, wird einem mehr oder weniger abgezogen.
Die zweite Sache ist die Steuer. Ich als Österreicher kann einiges von der Steuer absetzen und zahle, sofern ich hier meinen Zweitwohnsitz gemeldet habe, weniger.
Konkrete Zahlen zu meinem Gehalt will ich nicht nennen. Mit meinen 8 bis 9 Diensten pro Woche kam ich 2008 auf ca. 60.000€. Stundenmäßig gerechnet mag das weniger sein als in Österreich, aber in Summe mehr.
Können Sie sich Ihre Dienste aussuchen? Wie ist das Urlaubssystem geregelt und wie flexibel ist Ihr Dienstplan?
Dr. B.: Es ist selbstverständlich, dass jeder anpacken muss – anders wäre es hier gar nicht möglich. Ich muss aber sagen, dass ich sehr zufrieden bin. Auf persönliche Wünsche wird nach Möglichkeit Rücksicht genommen. Ein Beispiel: Heute ist der 25. Dezember und ich habe 10 Tage frei bekommen. In meinem Haus weiß jeder, dass ich Österreicher bin und Weihnachten am liebsten zusammen mit meiner Familie in Wien verbringe. Persönlich hätte ich mir nur 3 Tage frei erbeten, aber mein Chef hat mir quasi die 10 Tage oktruiert, worüber ich sehr froh bin. Das war auch schon letztes Jahr der Fall, wo ich noch keine 3 Monate im Krankenhaus gearbeitet hatte! Persönliche Wünsche werden nicht nur respektiert, sondern es wird alles daran gesetzt, dass sie auch erfüllt werden.
Man muss sich aber eingestehen, dass ein geregeltes Familienleben mit 80 bis 85 Stunden pro Woche nicht möglich ist, weshalb ich in dieser Intensität auch nicht ewig arbeiten werde.
Was wollen Sie machen, wenn Sie mit der Ausbildung zum Facharzt fertig sind? Wollen Sie wieder zurück nach Wien?
Dr. B.: Das Problem ist, dass es hier nach österreichischem Recht eine Grauzone gibt. Sollte ich in Thüringen nach 5 Jahren meine Approbation erhalten, heißt das noch nicht, dass ich sie auch einfach so in Österreich erhielte. Wie sich das entwickeln wir, bleibt derzeit noch offen.
Würden Sie fertigen Medizinstudenten raten, nach Deutschland zu gehen?
Dr. B.: Wenn jemand nicht gebunden ist und darauf Wert legt, als Arzt wahrgenommen zu werden und nicht als Blutabnahmemaschine oder EKG-Wagerl, dann ist er sicher in jedem Fall im Eu-Land besser aufgehoben als in Österreich.
Für Assistenzärzte ist ausschließlich der Oberarzt ausschlaggebend. Wenn man sich mit diesem fachlich und menschlich gut versteht, ist das Arbeitsklima sehr angenehm. Und eine Krankenschwester in diesem Haus beispielsweise käme nie auf die Idee, mir zu sagen, was ich zu tun habe, wie es in Österreich als Turnusarzt ja vorkommen soll…
Herr Dr. B., wir danken Ihnen für das Interview!
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