Betrachtungen Werner H. Wanko, Teil 2
Schuldzuweisungen, die Angst erzeugen in ein schiefes Licht zu geraten, machen Menschen gefügig und biegsam.
Schuld und Schweigen der Lämmer
Die Spitäler gleichen in ihrer Struktur viel mehr einem hierarchischen Militärregiment als einer Vereinigung von wohlgesinnten Menschen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, gemeinsam die Menschen zu Gesundheit, Wohlgefühl und zu Glück zu bringen.
Bitte verstehen Sie mich richtig. Ich erzeuge keine Ängste und Probleme und will es auch nicht: Ich berichte von den Ängsten und Problemen, die schon lange in der Medizin stecken.
Wem es schwer fällt diese Gedanken nachzuvollziehen, den lade ich herzlich ein sich selbst zu fragen, wie Spitäler und Gesundheitssysteme wohl aussehen würden, wenn tatsächlich Gesundheit, Wohlgefühl und Glück die zentrale Achse wären, um die es sich dreht.
An diesem Punkt ist es wichtig klarzustellen, dass mein Brief keine Schuldsuche ist.
Ich will erzählen was mir auffiel, Ereignisse festhalten, nicht Schuldige suchen und köpfen. Genau dieses Denken ist es, was mich so oft in der Medizin erschreckte. Es lehrte mich, dass die Zuweisung von Schuld (gerade in ihrer unausgesprochenen Form) eine grausame aber verständliche „Maßnahme“ ist, an einem Ort an dem die „Kampfesmentalität“ „vorherrscht“.
Das „Köpfen“ einzelner hat nicht nur hier Tradition. Es ist einer der sichersten Wege, sich selbst nicht zu verändern. Es ist pure Ablenkung. Dabei ist es egal, wer den Stein des Anstoßes bietet: Der Vorgesetzte, der Patientenanwalt, der Kollege, die Krankenschwester oder der Patient. Jeder weiß, dass es zumeist kein adäquates Problemmanagement bzw. keine konstruktive Konfliktkultur gibt. Das bedeutet, dass es bei zwangsläufigen Fehlern zu starken Entladungen von angestauten Emotionen kommt, die meistens auf den abfallen, der am „nächsten“ bei der vermeintlichen Problemquelle steht, der am wenigsten gemocht wird, oder auf den Patienten.
Bei Fehlern, Komplikationen und Problemen wird sehr schnell die Verantwortung dafür an eine einzelne oder auch mehrere Person abgegeben. „Wer hat diesen Patienten therapiert?“, „Wer war jetzt im Zimmer und hat das nicht gesehen?“ oder „Wer hat das nicht entsprechend weiterverfolgt?“ Anstatt die Organisation oder die Vorgänge in Frage zu stellen - was sehr aufwändig wäre und viele zum Schwitzen bringen würde und zwar in erster Linie die Vorgesetzten – wird es an Einzelnen abwälzt, die sich wehren können oder nicht.
Dabei versucht man durch die Schuldzuweisungen an den Einzelnen die Unannehmlichkeiten abzuwehren, die für die höheren Stellen, das Management, die interne Struktur des Spitals oder auch der gesamten Medizin entstehen würden, wenn sie ihre Verantwortung übernehmen würden.
Wir nageln immer noch ans Kreuz. Die Schuldzuweisungen sind dabei nur ein Mittel zu diesem Zweck. Es zeigt sich sehr deutlich, wie innerhalb eines Kollektivs oder Systems mit dem Einzelnen umgegangen wird, wenn einzelne so schnell in das Kreuzfeuer geraten können.
Nun kann man sich vorstellen, wie authentisch der Einzelne sich erlauben darf, ganz er selbst zu sein, und wie wohl und sicher er sich fühlt, wenn er weiß, wie schnell er vom Kollektiv oder System ins Abseits gestoßen werden kann.
Ich habe es erlebt, mir hat es nicht gefallen. So erkannte ich glücklicherweise einen besseren Weg, auf den ich weiter unten eingehen werden. Das betrifft nicht nur die Spitäler, sondern viele andere Bereiche der Gesellschaft genauso. An solche Zustände kann sich der Mensch schnell gewöhnen, und sogar die eigenen emotionalen Konsequenzen zu ignorieren lernen. Das gehört zur Assimilation eben dazu, ansonsten könnte sich der Mensch nicht auch an schwierigste Umstände anpassen.
Ein weiterer Grund warum so wenig aus den Mündern der Mediziner selbst an Eigenkritik kommt ist der, dass wir uns schlicht und einfach fürchten: Weniger vor der Öffentlichkeit, viel mehr vor den eigenen Kollegen. Das ist der Grund warum überhaupt so wenig über Missstände in der Welt berichtet wird: Eben, die Sorge vor Kritik aus den eigenen Reihen. Hierarchie ist sehr hilfreich Probleme zu vertuschen. Meinung wird von oben nach unten gemacht.
Bricht einer aus, fühlen sich alle unwohl, weil einer die unausgesprochenen Regeln nicht befolgt und das negative Konsequenzen bedeutet. Es wird kaum gelobt, wenn Sie oder ich frei und offen über unsere persönliche Wahrheit sprechen. Eben, weil dadurch viele andere sich selbst als kritisiert und angegriffen empfinden. Leider, wir dissimulieren und leugnen unsere wahren Probleme und fühlen uns gekränkt, wenn andere sie ansprechen.
Als letzten Punkt möchte ich festhalten, dass uns in den Spitälern regelmäßig „Maulkorberlässe“ und Drohungen zu teil werden, damit wir nicht reden, was wir wollen.
nächste Woche in Teil 3: Meine Erfahrungen - Bezahlung, Arbeits- und Ruhezeiten
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