Kokain und Viagra

"Guten Tag Herr K.V., Sie kommen zur Blutabnahme - worum genau gehts?" Mein etwa 60 jähriger erster Patient an diesem Morgen nimmt Platz und packt einen Zettel aus. "Wissen Sie, ich brauche für mein Prostat diese Wert" beginnt er mit feinem britischen Akzent. "Mein Urologe hat gemeint ich soll das kontrollieren, der war bei meinem letzten Besuch bei ihm etwas zu hoch. Ich habe auch etwas Veränderung in meinem Privatleben und ich war auf Flitterwochen. Und nach den Flitterwochen waren meine Frau und ich 2 Wochen etwas Müde - wir haben zwar diese Impfung für Hepatits gemacht, aber ich möchte das trotzdem kontrollieren. Ich zahle das auch selbst - ich bin Anwalt und einmal im Jahr spendiere ich mir das. Und schauen Sie auch die Niere an ob die gut ist."

Ein wenig von dem morgendlichen Redeschwall überfordert, versuche ich die ganzen Werte in das winzige Kästchen für die Laborzuweisung zu schreiben. Während ich tippe fährt er fort - "Wissen Sie in letzter Zeit hat sich viel getan, vor einem Jahr habe ich mich scheiden lassen und dann hab ich so eine bestimmte Art Frau kennengelernt." Ich blicke immer noch auf meinen Computer, versuche freundlich zuzuhören und tippe weiter.

"Diese bestimmte Art Frau die auf ältere Männer steht. Ich war 57 und sie 24." Ahja, interessant. "Sonst noch irgendwelche Wünsche an das Labor?" frage ich. "Ja wenn wir schon dabei sind auch gleich HIV. Ich kenne Sie zwar schon fast 2 Jahre und bei meiner letzten Untersuchung war nichts, aber falls ichs hab weiß ich wenigstens, dass es von ihr sein muss. Und wissen Sie, mein Urologe hat gemeint wenn man viel Sex hat dann steigt das Prostatwert. Auf dieser Flitterwoche, wir hatten richtig viel Sex. Eigentlich, wir haben immer sehr viel Sex. Ich habe damals auch schon mit ihrem Kollegen gesprochen, wir haben uns richtig gut verstanden - er hat mir auch dieses Cialis empfohlen anstatt Viagra, das soll besser sein aber irgendwie hat mir das nicht gut getan, ich hatte so ein komisches Gefühl im Kopf." Ich musste nicht lange überlegen welchen meiner Kollegen er meinte. "Ich bleibe jetzt bei dem Viagra, das ist gut. Sie wissen ja, junge Frauen können manchmal sehr fordernd sein und ich wollte da natürlich gut da stehen. Und sie hat auch eine richtig große Klappe und hat das in der Arbeit erzählt und ich habe jetzt so einen besonderen Ruf dort." Er grinst, ich grinse und schüttle innerlich den Kopf.

"Ok, welchen Arm darf ich nehmen?" versuche ich das frivole Thema in Richtung Blutabnahme zu lenken. Er springt auf und meint er muss sich hinlegen, weil einmal, als er noch jung war wurde ihm schwindlig nach einer Blutabnahme und er hat ein bisschen Angst. "Ok, kein Problem. Legen Sie sich nur hin." Kaum liegt Herr K.V. auf der Untersuchungsliege fahrt er fort. "Sie sind Arzt, sie haben ja diese Schweigepflicht - ich muss Ihnen nochwas erzählen."

Ich binde ihm den Stauschlauch um den Arm und erwarte die nächste Story mit skeptischer Spannung. "Einmal hat mir auf einer Party ein Arbeitskollege dieses Kokain gegeben. Ich weiß nicht ob es wirklich so etwas war, keine Ahnung - er meinte es sei das beste auf dem Markt. Und wissen Sie, auf dieses Kokain wird man so aktiv. Und ich wollte vor meiner Freundin gut dastehen und hab auch dazu dieses Viagra genommen. Und dann hatten wir Sex, mehrere Stunden lang. Es war irgendwie eigenartig, es war als ob mein Nudel nicht an mir ist. Ein komisches Gefühl, irgendwie nicht so gut aber besser als gar nichts hab ich mir gedacht. Ich glaube da ist mein Prostatwert gestiegen." Ich beiß die Zähne zusammen um nicht lauthals loszulachen und stech ihm die Kanüle in die Vene.

Während sich die zwei Röhrchen mit Blut füllen, ich die Etiketten beschrifte und Herr K.V. wieder aufgesprungen ist erzählt er mir noch von seiner Hyperaktivität, die er laut seiner eigenen Interpretation von seiner Mutter geerbt hat, von seiner Arbeit und von seinen nächsten Urlaubsplänen. Als er das Zimmer verlässt raucht mir den Kopf und ich sage mir innerlich "das wird ein guter Tag".

superfici

 

Arrow Die ansteckende Krankheit + Vorwort zu "Geschichten aus der Lehrpraxis"

Kommentare

Gast
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Berta29Knight User offline. Last seen 1 Jahr 6 Wochen ago.
Medizinstudent
1. Jahr Humanmedizin (neuer Studienplan)
Beigetreten: 21.12.2010
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schiefix User offline. Last seen 1 Tag 15 Stunden ago.
Medizinstudent
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 507

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schallvogl User offline. Last seen 2 Stunden 6 Minuten ago.
Assistenzarzt
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 1009

Diesen Patienten unbedingt warm halten und möglichst mit ihm in Kontakt bleiben. Erstens sind Selbstzahler, die sich Gesundenuntersuchungen leisten, prinzipiell attraktiv und zweitens glaub ich, kann man von diesem Patienten seeeeeeeeeeehr viel fürs "richtige Leben" lernen!

SHCaF User offline. Last seen 6 Wochen 3 Tage ago.
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Allgemeinmedizin
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Sachen gibts.
 
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