Die ansteckende Krankheit
Herr F.UO. bitte ins Sprechzimmer B kommen. "Grüß Gott, ich geb ihnen nicht die Hand - ich bin ansteckend!" stürmt der rüstige 62 Jahre alte Mann den Raum. Hm, ok, dann nehmen Sie bitte Platz... da bin ich ja mal gespannt. "Warum sind Sie denn ansteckend?" frage ich dezent nach und wir sinken beide in unsere Stühle. "Ich hab 39° Grad Fieber. Und ich bin eigentlich nur da um mir eine Krankmeldung zu holen. Das Fieber macht mir nix aus - wenn ich 39 Grad hab, is das wie 37 Grad für andere..."
Interessanter Vergleich. "Aber wir sollten schon herausfinden warum Sie Fieber haben" entgegne ich doch etwas erstaunt. Diese Bemühungen gegenwärtig etwas übertrieben findend - man kann ja schließlich ein Mexalen nehmen dann gehts Fieber auch weg - willigt er letztendlich doch in eine Untersuchung ein. Seit wann haben Sie denn Fieber? Seit gestern. Irgendwo Schmerzen? Nein. Husten? Nein. Halsweh? Nein. Bauchweh? Nein. Kopfweh? Nein. Gelenksschmerzen? Nein. Nagut, dann bitte rüber auf die Liege, Oberkörper freimachen und los gehts. Rachen bland, Tonsillen unauffällig, keine cervikalen Lymphknoten palpabel, beide Trommelfelle hell und durchschimmernd wie bei einer Bongo. Lunge klingt wunderbar - kein Rasseln, Giemen, Pfeifen oder sonst was. Herzton eins genauso rein wie Herzton zwei. Wunderbar. Ich drück und quetsch den Bauch - alles super, nix tut weh - Leber am Rippenbogen, Milz nicht palpabel auch sonst keine Resistenzen oder Defense. Beklopfe die Nierenlager - "Mir tut nix weh, ich nehm das Mexalen und geh."
Naja, so schnell geb ich nicht auf - "Wie siehts mit dem Klogehen aus? Durchfall? Brennen beim pinkeln?". Nein. "Häufiger Harndrang?" Nein. "Heute Nacht war ich einmal pipi, aber sonst alles wie immer". Meine Zahnräder mahlen und mahlen - wie war das nochmal mit den Ursachen für Fieber unbekannter Ursache? Das war doch sogar mal eine SIP-Frage...
Tja - dann wird der nächste Schritt wohl der sein, den "richtigen" Arzt um Rat zu fragen. Und wie geht das am elegantesten? "Herr F.UO., ich hätte gerne noch eine Harnprobe. Bitte gehen Sie nochmal raus zu den Damen beim Empfang, da bekommen Sie ein Becherl."
Dieses praktikable Zeitfenster nützend, wende ich mich an meinen heutigen Kollegen mit "Jus" im Nebenzimmer und schildere die Problematik. Wenn sich so kein Ursprung ergründen lässt müssen wir etwas tiefergreifend nachforschen - Blutabnahme mit Blutbild, Entzündungsparameter, Leberenzyme, Kreatinin, ... vielleicht auch gleich eine Kultur? Dann zumindest mal ein Lungenröntgen um der stillen Pneumonie an die Pelle zu rücken, meint mein selbst erst frisch gebackener Allgemeinmedizinerbeistand des heutigen Tages. Gut, bin gespannt was Herr F.UO. zu unserem Vorhaben sagt.
Nach dem erfolgreichen Wasserlassen - ich bin selbst immer wieder erstaunt wie Leute sofort nach Aufforderung pinkeln können - erbreite ich unserem Patienten das geplante weitere Vorgehen. "Na herns, von mir aus nehmens mir Blut ab, aber das Lungenröntgen das spar ma uns - i hab ka Lust jetzt drei Stund' da beim dem Röntgen zu sitzen!" Naja, aber zumindest die Blutabnahme sollten wir machen...
Gerade als ich beginne die passenden Blutröhrchen für das Unterfangen zusammen zu kramen, klopft es an der Türe und ich bekomme das Ergebnis des Harntests in die Hand gedrückt. Ein Grinsen macht sich in meinem Gesicht breit - selten hat mich eine Nitrit-positive Leukozyturie so erfreut - "Herr F.UO., wir haben ihr Problem gefunden!" präsentiere ich meinem Patienten stolz die Diagnose und drücke ihm ein Rezept mit Ciproxin 500mg 2xtäglich für die nächsten 5 Tage in die Hand. (Nachtrag: und selbstverständlich eine Überweisung zum FA f Urologie!
)
Geschichten aus der Lehrpraxis
Nach Überwindung des doch etwas zwiespältigen Gefühls das Studium abgeschlossen zu haben und jetzt anstatt mit den doch zu Freunden gewordenen Kollegen auf dem Balkon auf Ebene 7 & 8 über alltägliche Themen des Lebens und der Medizin sinnieren zu können und zumindest im Arbeitsleben auf mich allein gestellt zu sein, wurde leider viel zu schnell die Stelle verfügbar, die mir die Zeit bis zum "richtigen" Krankenhausjob überbrücken sollte.
So ein bisschen Allgemeinmedizin am Anfang kann ja für die beginnende ärztliche Laufbahn nicht schaden, dachte ich mir. Schaden wirds wohl nicht, aber dass arbeiten SO anstrengend ist, hätte ich mir nach 7 Jahren Studium mit kleineren Nebenjobs, wobei ich viele auch von zu Hause erledigen konnte, nicht erwaretet.
"Zögere das Arbeiten hinaus so lang du kannst, wenn du mal begonnen hast, gibts kein zurück mehr" war der gutgemeinte Tipp eines etwas älteren Freundes aus der Branche. Er hatte recht. Zwei Monate nach Studienabschluss stecke ich mittendrin. Mittendrin in einem riesen Haufen Stress, Verantwortung und Entscheidungsfreiheit, die ich mir persönlich in diesem Grad meiner Ausbildung nicht erwartet hätte.
Drei Tage unterliege ich noch dem doch recht reizvollen Charme des Beobachters, schaue meinem Vorgänger bei der Arbeit zu, versuche mir unzählige Kürzel der Patientenverwaltungssoftware zu merken, bin verblüfft über die Artenvielfalt von Formularen, Überweisungen, Laborscheinen, Heilbehelfsanforderungen, Kuranträgen, Vorsorgeuntersuchungen und unzähligem mehr.
Lauter schöne Dinge von denen man im Studium nichts hört, oder überhört. Doch die Latte der Unwissenheit endet nicht bei Formularen - Nein, sie beginnt erst dort. Marcoumar-Einstellung, Neuraltherapie, Infiltrationstechniken, welches Röhrchen für welche Blutuntersuchung, welche Untersuchung für OP-Freigaben, Stützstrümpfe gibts in verschiedenen Größen?
Abgerundet mit den aufbauenden Worten meines Vorgängers "Die ersten 2 Monate wirst du dich ansch***en" Blicke ich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch auf meinen ersten Tag in diesem riesen Sprechzimmer ganz für mich alleine.
Panik macht sich breit - was mach ich bei Ohrenschmerzen? Halsweh? Was erzähl ich zum Thema Durchfall? Schweinegrippe Patiententhema Nr. 1, komischer Ausschlag am Oberarm, Zeckenbiss? Kreuzschmerzen, Schulterschmerzen, Knie verdreht, Schwanger und Schmierblutung, Tonsillen groß wie Tennisbälle - ich seh den Streptokok, juhu!
Wie weit kann ich selbst gehn, wann hol ich Hilfe, wann wird eine Bagatelle zum Notfall? Dinge die gerade am Beginn furchtbar nervös machen werden sehr schnell zur spannenden Herausforderung, tägliches Gehirnjogging halten den Geist auf trab - die Lernkurve steigt so rasant wie nie in 7 Jahren Studium.
Erstmals hat man das Gefühl wirklich Arzt zu sein, doch der Boden sollte dennoch unter den Füßen bleiben.
superfici
Foto: Andreas Morlok (Pixelio.de)
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Kommentare
@schiefix...
Unser TA-Kollege hat den Patienten zum FA-Urologie geschickt. Das sollte doch wohl ausreichend sein für den Anfang, oder?
^^
fg
CLuB-SHCaF
@superfici: Ich hoff du hasts nicht dabei belassen, ihn mit ein paar Antibiotika abzuspeisen??
Kulturen, Ultraschall, Prostata?.....