Mit Stolz getragene geistige Umnachtung, fortgesetzte Wundheilungsverläufe, wenige Fortsetzungen und chefärztliche Blüten
Letzte Woche war erstaunlich wenig los (was nicht heißt, daß ich mehr Zeit als in der Woche davor gehabt hätte), Grippe-Verdachtsfall gab es nur einen, der aber schon fast gesundet kam, dafür aber meinen bisher skurrilsten Fall eines Problemes im Umgang mit einem Patienten.
Geistige Umnachtung getragen wie ein Adelstitel
Nun zum bisher skurrilsten Fall „meiner Laufbahn“, ich scheine zwar immer schon die seltsamsten Patienten regelrecht anzuziehen, und hatte auch während Famulaturen und Tertialen immer wieder kleinere oder größere Zusammenstöße mit Patienten, aber dieser Patient schaffte es sogar mich ein wenig mit seiner Leistung zu beeindrucken.
Ich nahm dem Herrn Blut ab, da ich scheinbar die Vene nicht genau traf, mußte ich sozusagen „eine Kursänderung durchführen“, und landete erst nach ca. einer weiteren (geschätzten) Sekunde in seiner Vene.
Da ich sozusagen zeigen wollte, daß ich nun die Nadel korrekt in der Vene plaziert hatte, ließ ich für ihn sichtbar das Blut in das Röhrchen laufen, beendete die Angelegenheit und ging an meinem Schreibtisch zur Beschriftung über (wir arbeiten mit einem Labor zusammen und daher werden gleich Barcode-Etiketten benutzt, was die Zuordnung natürlich erleichtert).
Kaum hatte ich das Röhrchen etikettiert wurde ich sinngemäß (vermute ich zumindest) vom Patienten gefragt, ob so wenig Blut ausreiche, er zeigte dabei auf das in den sogenannten Sicherheitsbehälter vulgo „sharp“ geworfene Abnahmesystem (also den Schlauch mit den 2 Nadeln). Da er kaum Deutsch spricht war mir die Angelegenheit ziemlich unklar, und ich erklärte ihm, daß dies nur der Abfall sei, und sein einzuschickendes Blut in dem Röhrchen in meiner Hand sich befand. Daraufhin wurde ich relativ brüsk bezichtigt ihm gar kein Blut abgenommen zu haben, „nur den Schlauch gefüllt zu haben“, und ihm nun ein Röhrchen eines anderen Patienten unterschieben zu wollen!!!
Meine Entgegnung, daß dies sein Blut sei, und ich auch gar keines auf meinem Schreibtisch lagere Wink , war zwecklos, und er ging wutentbrannt.
Etwas später rief seine sehr gut deutsch sprechende Tochter ein wenig drohend an um sich zu beschweren, und nach einigem Hin und Her wurde ihm dann „des Friedens willens“ vom Lehrpraxisleiter noch einmal Blut abgenommen.
Da das Labor bereits die Proben abgeholt hatte gibt es nun 2 Befunde.
Eine Stunde Toben erhöhte übrigens GOT und GPT bei ihm um je ca. 30 units/l, und sein „Cholesterin“ und die Triglyceride um je ca. 40mg/dl; schade daß sein BZ nur bei einer Probe untersucht wurde.
Jedenfalls wollte* ich einem Patienten Blut eines Anderen „unterschieben“ (und ich wüßte nicht, weshalb ich so etwas tun solle), dann würde ich ihm normal blutabnehmen und nachher die Röhrchen im Probenaufbewahrungsraum austauschen...
*ich bestehe darauf, daß dies der Konjunktiv ist!
Üblicherweise nähere ich mich Patienten übrigens bei Blutabnahmen mit der „Nadel“ (in „meiner“ Lehrpraxis wird nur ein Art „butterfly“-System mit Schlauch und „Venoject“-ähnlichem Adapter wie auch im AKH verwendet) und den Röhrchen verdeckt (ich halte die Nadel zwischen den Fingern am Handrücken, in einer ähnlichen Technik wie beim „Münzen aus dem Ohr ziehen“ in der Show-Magie), und da die meisten Patienten zumindest beim Stich wegsehen, dürfte es so für die meisten (vor allem aus psychologischer Sicht) weniger traumatisch sein, als wenn man mit der Nadel gut sichtbar auf sie einstürmt um deren Vorfreude zu erhöhen.
Die Röhrchen fülle ich immer in meiner Hand verdeckt, da das „Einsprudeln“ des Blutes schon manche schockierte, und ich mit dieser Vorgangsweise die Zahl der blutabnahmebedingten Kollapszustände drastisch reduzierte.
Von diesen Patienten kam übrigens nicht einer auf die Idee, ich würde nur „den Schlauch befüllen“ (der sich ohne angesetztem luftarmen Röhrchen auch kaum füllen würde).
Nun wiederum zur Dame St. p. partieller versuchter Selbstverbrennung zum Lumbalgieeigentherapiezwecke:
Die Heilung schreitet mäßig voran, die Wundfläche ist wieder verkleinert (wobei interessanterweise die neugebildete „noch-nicht-ganz-Haut“, welche vom Rand her sich bildet, erstaunlich „normal aussieht“), aber dennoch ist der zentrale Bereich mit Fibrinartigem belegt und blutet bei Berührung geringfügig. Weiteres Abwarten scheint angebracht zu sein, ihr AZ ist annähernd optimal.
Zum „Marcoumar-Junkie“
Dieser Herr hat nun eine Blutgerinnung im Bereich von einem INR von 2.0 unter fortgesetzter Marcoumartherapie, und seine Dosis wird, da die Gerinnung üblicherweise nach dieser kurzen Zeit sich noch verschlechtern wird, derweil einmal trotz seines Bettelns, „mehr nehmen zu dürfen“, belassen.
Weiteres Chefärztliches
Für eine Helicobacter pylori-Eradikation (im Sinne eines Therapieversuches; mittlerweile ist recht gut belegt, daß diese nur bei einem geringen Teil zu einer Abheilung von entsprechenden Ulcera beiträgt) wäre ein Präparat mit Metronidazol in Frage gekommen, welches von Dosierung und Stückzahl her für die Therapie optimal gewesen wäre, jedoch ist dieses bewilligungspflichtig.
Abgelehnt, mit der Begründung es gäbe eines in der „Grünen Box“.
Nun zahlt die Krankenkasse 11 Euro mehr, und die Patientin darf 13 Kapseln wegwerfen.
So spart man bei den Krankenkassen, hochgerechnet auf alle HP-Fälle dürfte es sich um eine schöne Summe handeln.
Vielleicht sollte die Krankenkasse bei selbstverursachten unsinnigen Mehrkosten eine Strafe in einen Turnusärzte-Hilfsfond einzahlen müssen? - Jedenfalls in Wien bekommt man in den meisten Lehrpraxen nur den von der Ärztekammer empfohlenen Mindestsatz, und mit nun nach Erhöhung fürstlichen knapp 280 Euro netto im Monat kommt man nur mit einer ordentlichen Reserve oder wohlhabenden Eltern (bzw. zumindest zur Verfügung gestellter Wohnung) finanziell aus.
In der Hoffnung, nicht zu sehr abzuschrecken,
Agathodaimon
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Kommentare
Blutabnahmen mit Butterfly in der Lehrpraxis? Das ist auf Dauer aber recht teuer wenn man bedenkt dass die Dinger 75cent pro Stück kosten! Wir haben nur die Nadeln direkt ohne Schlauch!!
Die Paranoiden, die vermuten sie würden jederzeit und überall vergiftet werden findet man also auch in der Allgemeinpraxis. aber ... Just because you´re paranoid, does not mean they aren´t out to get you!