Von Marcoumar-junkies, Wundheilungsverläufen und wo Chefärzte überall ihre Finger hineinstecken wollen

Diese Woche gibt es wenig wirklich Neues (und wie man sieht kam ich aus Zeitgründen erst jetzt zum Schreiben), außer daß mittlerweile kein einziger Grippe-Fall mehr vorkam, und daher folgt nun einer kleinen compliance-bezogenen Falldarstellung die Fortsetzung der Lumbalgieeigentherapie-Fallgeschichte nebst Informationen über das chefärztliche Kontrollverfahren.

Der erste unlöblich zu erwähnende Patient wurde vor etwas mehr als einem Monat auf Marcoumar eingestellt, und sollte zu Beginn zumindest wöchentlich zu Kontrollen kommen, da sich sein INR noch nicht im sogenannten therapeutischen Bereich* eingependelt hatte.

*(über dessen Sinnhaftigkeit insbesondere in Bezugnahme auf die übliche Willkür bei der „Einteilung“ der Patienten nachgedacht werden sollte, man sieht beispielsweise Empfehlungen von INR 2-2.5 bis hin zu 3-4 bei Lungenemboliepatienten, wobei im letzteren Falle wohl das Verbluten des Patienten in Kauf genommen werden würde, wenn die Aussteller des „Marcoumarpaßes“ näher wüssten, was sie tun)

Nun, er kam ein Monat nicht, benötigte wieder seinen "Dreimonatsbedarf" (100 Stück), und wollte aus Zeitgründen erst später zu einer Messung kommen.
100 Tabletten in knapp 4 Wochen zu benötigen war mir doch etwas verdächtig.
Er nahm tatsächlich (oder zumindest seiner Angabe nach, der Patient ist nicht gerade einer der Intelligentesten, aber sicherlich nicht als geistig behindert einzustufen) 3 Tabletten täglich ein, und wies einen INR von – mir nicht mehr genau erinnerlich – über 8 auf.

Mein Lehrpraxisleiter ist diesbezüglich etwas „hart“, da der Patient nicht in ein Krankenhaus wollte (oder besser gesagt nachdrücklichst es ablehnte), und auch nichts einnehmen wollte, durfte er in 2d wiederkommen.

Da wir mit einer Patientin, welche bei einem INR von 5.3 von mir darauf hingewiesen wurde, sie möge sich beim Öffnen der Konakion-Ampulle (ein Vitamin K-Derivat als Antidot) nicht schneiden und vorsichtig den Inhalt trinken, die sich nach ihrem Protest, es gäbe ja auch Dragées (welche es leider bereits länger nicht mehr gibt), mehr oder minder entschloß, sterben zu wollen (was sie vermutlich nicht so ernst nahm, sie lehnte eine Spitalseinweisung wegen eines Urlaubes ab, flog ins Ausland und mit der Flugrettung wegen eines „Zwischenfalles“ zurück – ihr wurde in Wien prompt die Spitalsaufnahme verweigert, nur um einzuschätzen, wie ernst es war), Schwierigkeiten hatten, und dann ihre Verwandschaft mit Klagen drohte (zumindest hörten wir seit November nichts mehr von dieser Sache), ist es nun üblich etwas zurückhaltender mit der Verordnung des Trinkens des Inhaltes von Glasampullen zu sein.

Nun, der „Marcoumar-Junkie“ (ich nenne ihn intern so, weil er, wenn wir ihm keine Tabletten mehr verschrieben hätten, wahrscheinlich auf Rattengift – welch Karriere von Phenprocoumaron! – umgestiegen wäre) hatte 2 Tage später einen INR von 4.1, worauf ich ihn Konakion zu besorgen zwang (er wollte Marcoumar gegen „das zu dünne Blut“ - eine unsinnige Bezeichnung, die ich bislang vergeblich den Patienten auszutreiben versuche - einnehmen...), und er von mir den Inhalt einer Ampulle mittels Spritze unter größtmöglichem Ausschlußes von Glassplittern oral verabreicht bekam.

Zwei Tage später (er hat laut aller vorliegender Befunde eine herabgesetzte Leberfunktion – u.a. “Cholesterin“ und Albumin bei guter Ernährungslage im unteren Bereich) war sein INR bei 1.1, und er durfte mit einer Tablette täglich wieder anfangen (von einer üblichen 'loading dose' erzählte ich ihm lieber nichts).
Vom letzten Donnerstag zum Montag war er bei einem INR von 1.7 (er benötigt scheinbar wirklich eher hohe Dosen), und darf am Donnerstag wiederkommen.

Mißverständnisse diesbezüglich sind übrigens nicht unüblich, einem anderen – wesentlich intelligenteren Patienten – teilte man im Spital so mit, daß Blutuntersuchungen nötig seien, daß er nach wenigen Tagen das Präparat absetzte und bei uns um einen Hausbesuch zwecks Blutabnahme anrief, da sich diese verzögerte befindet er sich nun im Neueinstellungsprozess (und ihm konnte ich eine 'loading dose' aufschreiben, ohne daß ich mit Selbstvergiftung rechnen mußte).

Nun, wieder zurück zur Dame st.p. Lumbalgieeigentherapie mit drittgradigen Verbrennungen als Folge.

Ca. 70% der wie im letzten blog-Eintrag beschrieben nicht heilenden und von mir in wahrhaft klassischer Manier „gelochten“Wunde sind nun mit mäßig schönem, aber stabilem, Granulationsgewebe bedeckt, ich „lochte“ den Rest noch einmal, und warte nun auf die Abheilung.

Somit, da die Patientin ja wie erwähnt keinem plast. Chirurgen vorgeführt werden wollte, ein recht guter Erfolg dieser heutzutage sehr unüblichen Methode.

Ihr Harnbefund ist übrigens nun normal, ihr BZ wie üblich leicht erhöht aber unter Kontrolle (sie hat eine BZ-abhängige Medikation seit 20a, aber einen HbA1c-Anteil bei 6.2% was mehr oder minder akzeptabel ist).

Chefärztliches

Hier folgend ein Fall bezüglich des "chefärztlichen Kontrollsystemes", wenn auch ein etwas seltsamer, so wenigstens ein logisch verständlicher.

Eine Dame mit einer seltsamen unvollständigen „Tetraplegie“, Genaues seit Jahren nicht diagnostizierbar, benötigt zwecks Ermöglichung der Defäkation Lecicarbon-Suppositorien, welche CO2 abspalten, welches den lokalen Defäkationsreflex, nebst Schleimsekretion, auslöst.

Ihr Monatsbedarf liegt angeblich bei knapp unter 120 Stück (der Klinikpackung), da der Bedarf nicht abschätzbar sei (laut Chefärzten), wäre eine Dauerverordnung nicht möglich, sie müsse sich immer die kleinste Packung (alle 2d) abholen (was bei einer, wenn auch unvollständigen, Tetraplegie nicht ganz so einfach ist).

Unter Hinweis auf die auch für die Kasse geringeren Kosten (die Patientin ist rezeptgebührenbefreit) war es wenigstens im 3. Versuch möglich, eine 120er-Packung genehmigt zu bekommen, natürlich unter der Auflage, daß diese nachweislich aufgebraucht sein müsse, bevor eine weitere genehmigt werden könne.

Nun, ich denke da sollte der Chefarzt wohl persönlich inspizieren kommen...

Ach ja, ein kleiner Tip zum Schluß:

Gut dokumentieren, und sich vom unintelligentesten oder auch lästigsten Patienten (wobei die Kombination subletal für den Arzt sein kann) nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Wenn sich jemand mit Phenproc(o)um(ar)on bei guter Dokumentation und klar ausgefülltem „Paß“ seinen Leidensweg auf unerwünschte Art und Weise drastisch abkürzt ist dies voraussichtlich nur sein Problem (und das der Angehörigen), es sei denn, er ist offensichtlich nicht ausreichend zurechnungsfähig.

Nun, wieder am Ende des Beitrages angelangt bleibt mir wiederum die Hoffnung, dem Leser seine Zeit mit Sinnvollem erfüllt zu haben.

Agathodaimon

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