Von Lumbalgieeigentherapien und Nahtkünstlern

Nun, werte Leser, diesmal ein wenig später als geplant, aber mein Kurzbesuch eines Professors in einem sehr großen Krankenhaus von Wien führte dazu, daß mich einige vermutlich (der Klinik nach) Rota-Viren (theoretisch kämen auch Noro-Viren infrage, was aufgrund meines Alters auch wahrscheinlicher wäre, aber seit der Einführung der Rota-Virus-Impfung ist mit vermehrtem Auftreten von Reassortanten zu rechnen, weshalb auch das Risiko für Erwachsene steigt) als sehr attraktiv empfanden, und ich die Hälfte der Woche unter beidseitigem Flüssigkeitsverlust zuhause verbringen mußte.

Daher gibt es nur einen neuen (eher aus menschlicher, als aus medizinischer Sicht) interessanten Fall, und einen noch laufenden älteren.

 

Zuerst zu dem Älteren, dieser war auch diese Woche noch aktuell, da der Heilungsprozess noch andauert.

Eine ältere Dame (ca. Mitte achtzig) kam vor einigen Wochen in die Praxis, da sie sich wegen ihrer „Kreuzschmerzen“ an die Heizung angelehnt hatte, eingeschlafen war, und mit leichteren aber eher zunehmenden brennenden Schmerzen erwachte (aber ihre Rückenschmerzen waren derweil einmal kuriert).

Sie hatte sich, da sie, wie sich später bestätigte, scheinbar auch in dieser Region eine geringe Neuropathie aufweist, Verbrennungen teils dritten Grades zugefügt.

Gleich vorweg, die Patientin und ihre Umgebung ist „uns“, damit meine ich den Lehrpraxisleiter und mich, eher gut bekannt, und die Form der Verbrennungen und der Ort passen sehr gut zur Erklärung, weshalb „wir“ einen Übergriff im Sinne einer Verletzung durch andere ziemlich sicher ausschließen können.

Nun, da die Brandblasen (unter einer konnte man gut nekrotisches Fettgewebe sehen) nässten, und die Schmerzen zunahmen, kam sie in die Praxis.

Die eine Verbrennung war mit nekrotischem Untergrund aber scheinbar dennoch beginnendem „darüberwachsendem“ Granulationsgewebe (nun, gut 3 Wochen später ist diese – unter Zurücklassung einer relativ unproblematisch wirkenden Narbe - praktisch verheilt), die andere war von einem dicken Fibrinbelag überzogen und anhand der Randfärbung und dem angegebenen Gefühl als infiziert anzunehmen; da die Patientin eine Spitalseinweisung ablehnte wurde sie halt (von mir) in der Ordination so gut wie möglich verbunden (an die Kollegen: metallisierte Wundauflagen wann immer verfügbar für so etwas verwenden, abgesehen von der besseren Wiederabziehbarkeit, die meisten Metalle wirken auch noch gering antibakteriell!).
Beim vorgeschlagenen Antibiotikum bestand die Patientin darauf, 2 Tage abzuwarten, da ihr Allgemeinzustand (AZ) sehr gut war, gingen „wir“ darauf ein.
Zwei Tage später hatte sie auch die weiteren verordneten Wundbehandlungsmaterialien bereits besorgt, und auch die Infektion schien im Rückgang, ein neuerliches Entfernen des Fibrinbelages (ohne wie auch immer gearteter Anästhesie, sie scheint wirklich wenig dort wahrzunehmen...) und Verbinden (an nicht stark nässenden Stellen unter Zuhilfenahme eines Salbensprays mit Lebertran und Zinkoxyd, das für solche Zwecke sehr zu empfehlen ist, da die Emulsion auch viel Flüssigkeit aufnehmen kann) folgte, so geht es nun wie erwähnt schon länger.

Letztes mal war diese angesprochene Wunde immer noch unverheilt mit dicken Fibrinbelag aber ziemlich infektionsfrei aussehend, weshalb ich mich aufgrund der schlechten Heilungstendenz und ihrem Unwillen, der plastischen Chirurgie oder zumindest Dermatologie vorgestellt zu werden, dazu entschloß, entsprechend älterer Methoden zwar keine Skarifikation (zu hohes Infektionsrisiko) durchzuführen, aber durch nahe beieinander liegende Nadelstiche (klarerweise nach gründlicher Desinfektion unter sterilen Kautelen) ein Austreten von Blut zu fördern (gerade so tief einstechen daß es schwach blutet, dabei immer an die topographische Anatomie denken!), was unter diesen Bedingungen eine Reepithelisierung fördert (und maßlos veraltet ist, sowie nahe am Kunstfehler, aber das Risiko ist nahe null gelegen, der mögliche Nutzen groß).

Nun warte ich auf die nächste Woche, und bin schon etwas gespannt, ob diese jahrtausendealte Methode half.

Übrigens konnte man an dieser Patientin (die eindeutig bei klarem Verstand ist, und logisch-sinnvoll argumentierte, sonst hätte ich sie unter diesen Bedingungen wahrscheinlich einem Amtsarzt vorgestellt...) recht gut ein verletzungsbedingtes Entgleisen ihres recht gut eingestellten DM II sehen, sie hatte plötzlich einen nüchtern-Blutzucker von über 200mg/dl (den ich zu Beginn nicht senkte, auch wenn es anderslautende Studien gibt) und ein „alter“ Harnwegsinfekt flammte auch wieder auf, welcher aufgrund der Schwere (insbesondere der Symptomatik) antibiotisch behandelt werden mußte, das „nach Gefühl“ gegebene Antibiotikum wirkte gut, wenn auch laut dem einige Tage später eingelangten Antibiogramm der Keim resistent gewesen sein soll.....

Auch ist anzumerken, daß ohne Nierenbeschwerden plötzlich eine Glykosurie bei einem Blutzucker (BZ) von 126mg/dl bestand – diese verschwand auch mittlerweile (klarerweise mußte die Patientin ihre Blase nach der ersten Messung völlig entleeren, dann wurde, bis sie wieder Harn ließ, mehrmals ihr BZ gemessen, also frühere höhere Blutzuckerkonzentrationen kann man als Ursache ausschließen).

 

Zum nächsten Fall:

Es kam ein ca. neunjähriger Bub in Begleitung seiner Mutter und kleineren Schwester in die Praxis, laut Mutter und „Papieren“ möge der Hausarzt die zwei Einzelknopfnähte, welche in „dem“ Unfallkrankenhaus im nördlichen Wien zwecks Fixation seiner bei einem kleinen Unfall gespaltenen Unterlippe angebracht wurden, entfernen.

So seltsam, so ungut.

Die Nähte waren tatsächlich nichtresorbierbare Nähte, was an dieser Lokalisation unüblich ist, und so (gekonnt wie vom plast. Chirurgen) geknüpft und versenkt, als ob es resorbierbare wären.
Kurzum, sie waren recht gut eingeheilt/eingewachsen, führten aber zu einem Fremdkörpergefühl.

Ich durfte also nach Aufweichen der Lippenoberfläche mit Wasser (nasser Tupfer für 2 Minuten zwischen den Lippen einzupressen) dem armen Kind mit einer 1.2mm Kanüle in seiner Lippe „herumstochern“, um die Knoten zu finden (oder zumindest die Naht so freizulegen, daß ich diese entfernen konnte), und diese dann, da ich mit der kleinsten Schere nicht diese wirklich eng geknüpften Nähte fassen konnte, mit einem solchen „stitch-cutter“ (der ja ziemlich stumpf ist) kappen, was aufgrund des dünnen Fadens nicht ohne einem gewissen Einschneiden dieser in die Lippe zu bewerkstelligen war.

Aufgrund der Schmerzhaftigkeit einer Infiltrationsanästhesie an dieser Stelle (und den verhältnismäßig eher geringeren Schmerzen der Manipulationen) dies alles natürlich ohne Lokalanästhesie (Chloräthanspray ist wegen der Erfrierungsgefahr mittlerweile kunstfehlernahe-aus-der-Mode), weshalb ich Pausen einlegte, „mein Opfer“ frug, ob, und wann, ich fortfahren könne, und ihn auch psychisch unterstützte (er war erstaunlich „tapfer“ und schrie nicht, nur ein paar Tränen waren sichtbar).

Das Schlimmste an dieser Angelegenheit war aber, daß laut der Mutter der Arzt, der dies „verbrach“, ungefähr das Alter meines Lehrpraxisleiters hatte, und somit höchstwahrscheinlich eher Oberarzt (oder gar Primar) als Turnusarzt war...

Ich hoffe nur, da die Familie türkischer Herkunft ist, daß dies ein Sekundenversagen (oder gar Unfähigkeit), und nicht gelebte Ausländerfeindlichkeit des Nähenden war.

Hiermit schließe ich meinen Eintrag für diese Woche, und hoffe mit Brauchbarem gedient zu haben.

Agathodaimon

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