Wie alles begann

oder: Namensschildkosmetik - über die Notwendigkeit das 'cand. med.' durch 'Dr. med.' zu ersetzen

Nun, die SIP6 und somit das Studium (in der Mindestzeit) problemlos (ü)be(r)standen, stellte sich zwecks Nutzung der entsprechenden Zeit bis zum Versand der Dekrete die Frage, wo man sich am besten bewerbe.

Da in Österreich die Vergabe der Turnusplätze praktisch überall auf eine reine Wartezeit hinausläuft, da Leistung zwar in der Politik immer hochgehalten wird, wenn es darum geht, auf irgendwelche Leute herabzusehen, aber bei der Reihung für Ausbildungsstellen nichts zählt (was vor und Nachteile hat, ein Vorteil wäre, daß die Streber, welche häufig nur für Prüfungen lernen, schnell einen Platz hätten, und sich - vermutlich nach dem sie dies mit einigen Patienten täten – eliminieren würden, und dann bald Plätze für die wirklich guten ehemaligen Studenten frei wären), muß man in Wien schon einmal mit 2-3 Jahren aufwärts zu warten rechnen, und einige Spitäler sind doch für ihre Mängel an Ausbildungsqualität berühmt-berüchtigt, also bleiben einem noch die geistlichen Häuser und die Bundesländer, wenn auch es bei einem Turnus in einem Bundesland durchaus schwieriger sein kann nach Wien zurückzukehren als bei einer Ausbildung im Ausland (und falls man die Staatsbürgerschaft zurücklegt und eine eines EU-Staates annimmt, muß man aufgrund des Gleichbehandlungsgrundsatzes auch wenn man im Ausland ausgebildet wurde mehr oder minder „zwangsweise genommen“ werden – ein kleiner Tip für die zukünftigen Republikflüchtlinge).

Nun, die erwähnte Zeit von fast 3 Wochen ausnützend, schrieb ich schon einmal die Bewerbungen (um diese nach Erhalt des Dekretes mit dessen Kopie baldestmöglich zu versenden), bewarb mich bei erwähnten Häusern und einigen Allgemeinmedizinern, worauf ich prompt binnen weniger Tage mich rechtfertigen mußte eine Woche später auf Urlaub zu fahren, denn das erste Krankenhaus lud mich bereits zu einem Vorstellungsgespräch ein.

Den (Kurz-)Urlaub von 2 Wochen verbrachte ich angenehm rein zur Minimalerholung im nahen Ausland, und meine Entscheidung, dieses Mal mein Mobiltelephon mitzunehmen und auch einzuschalten, war richtig, 3 Anrufe von möglichen zukünftigen Arbeitgebern zu teils bureau-unüblichen Zeiten (Strategie?) bestätigten diese, und wiederum mußte ich um einen anderen Termin bitten, da manche mich scheinbar erstaunlich prompt sehen wollten.

Kaum zurück in Wien hatte ich in der ersten Woche 4 Vorstellungsgespräche, welche bis auf eines, wo mir die das Gespräch führende Ordinationshilfe höchst unsympathisch erschien (was aufgrund der prompten Absage wohl auf Gegenseitigkeit beruhte) recht gut liefen, ich wurde bei den Ordensspitälern auf die (mittlerweile auch schon mit längeren Wartezeiten behafteten) Listen gesetzt (und bei einem Vorstellungsgespräch - 3 Wochen nach Erhalt des Dekretes - tatsächlich gefragt, weshalb ich noch keine Fortbildungsmaßnahmen oder Praktika absolviert habe), bekam ein Angebot von zwei Allgemeinmedizinern und die Zusage eines Kinderarztes, er würde mich später gerne nehmen, zieht aber jetzt eine Mitbewerberin mit eigenen Kindern und Erfahrung in der Pädiatrie vor, da er – eigener Aussage nach – momentan eher eine Arbeitskraft als einen Auszubildenden brauche.

Kurz darauf (Anfang der nächsten Woche) sah ich relativ zufällig ein schon gut 2 Wochen altes Angebot eines Allgemeinmediziners im zweiten Wiener Gemeindebezirk, welches mich, da mir das bestehende Angebot nicht 100%ig zusagte (zum zweiten bestehenden komme ich noch...), zu einem Anruf verleitete.

Nun, man war über meinen Anruf hocherfreut, da deren Turnusarzt binnen 3 Wochen einen Platz in einem Ordensspital bekam, und lud mich, auf meine Fragen, welche Unterlagen ich bringen möge, mit den Worten „was Sie wollen, nur ihre Person ist von Interesse“ am übernächsten Tag zu einem Gespräch ein.

Dort angekommen wurde ich zwar zuerst mit einem Patienten verwechselt, dann aber vom Ordinationsinhaber eher unkonventionell ein paar Dinge gefragt, die ich nicht erwartete, wie z.B. was meine Hobbies seien und ob ich abseits vom Studium Erfahrungen mit medizinischer Behandlung von Patienten hatte (und gerade ich hatte ein paar Mal bei wissenschaftlichen Expeditionen mangels Arzt die Versorgung übernommen...), und anschließend wurden mir von – scheinbar – der Ordinationshilfe (in Wahrheit seiner Gattin) noch im minimalen Umfange Fragen gestellt und ich über Üblichkeiten der Ordination aufgeklärt, sowie über die Bezahlung zum ÄK-Wien-empfohlenen Mindestsatz von 350 Euro, mit dem Hinweis, daß dies keine(!) Verhandlungs-basis sei.

Da man mich schon fast nicht mehr aus der Ordination lassen wollte, und mit den Worten, ich sei einen angenehme, nette Person, auf der Stelle einstellen wollte (ich widersprach natürlich nicht der Bezeichnung, aber irgendwie fühlte ich mich wie vor dem Zuschnappen einer Mäuse- , pardon, Jungdoktorenfalle), und mir dies alles bis aus die Bezahlung schon irgendwie zu schön vorkam, erbat ich mir einen „Schnuppertag“, der mir am nächsten Tag, einem Freitag, angeboten wurde, und ich wurde gebeten – wenn ich zusage – am Montag gleich anzufangen.

Am Schnuppertag lief alles sehr gut (mir wurde auf meine Bitte hin auch erlaubt Anamnesen durchzuführen und mehr oder minder mitzuarbeiten – ich weiß, eigentlich illegal –, aber nicht alle Leute kommen mit meiner Art mit Menschen umzugehen zurecht, daher mußte ich dies sowie auch das Unterbreiten von Therapievorschlägen und dezentem Widersprechen riskieren, denn besser man wird nicht genommen als in der ersten Woche hinausgeworfen), den dortigen Noch-Turnusarzt unterzog ich einiger Befragungen, um abzuklären, wie es dort sei, und eigentlich war alles annähernd optimal (ein jeder hat Eigenheiten – zum Glück, sonst wäre es sehr langweilig auf diesem Planeten – aber es gab nichts, was mich von einer Zusage abgehalten hätte).

Da ich sah, daß mein Vorgänger, der angeblich andersweitig schon nicht näher erwähnte Erfahrungen hatte, diagnostisch nicht sonderlich gut war (er ist aber aus dem alten Studienplan, und hatte somit sicher weniger an diesbezüglichem Unterricht), und der Ordinationsleiter sehr zurückhaltend und aus meiner Sicht sinnvoll behandelte (beispielsweise nicht sofort Antibiotika zu verordnen, wenn eine Pharyngitis viral bedingt aussieht, und auch bei Bakteriellem nach dem Risiko und dem Patientenzustand gehend zu behandeln), hielt ich es für wahrscheinlich gut mit diesem auszukommen und auch für wenig wahrscheinlich, daß ich mit den am Anfang gestellten Anforderungen überfordert werden könnte.

Nun, ich sagte zu, besorgte mir noch schnell einen Strafregisterauszug am Nachmittag (wobei ich angeblich gleich angezeigt wurde, weil ich mich als 'Dr.' vorstellte und dies am Formular eintrug, aber keinen Beleg mit hatte – jedenfalls nach 4 Monaten hörte ich noch nichts von entsprechenden Stellen...), erkundigte mich über die diversen Fallen bezüglich der Anrechenbarkeit in der Ärztekammer (und überprüfte ob diese Lehrpraxis rechtmäßig eingetragen war, die andere, von welcher aus ich ein Angebot hatte, war immerhin illegal, wenn auch gut bezahlt), und freute mich auf Montag.

So, da hatte ich nun meine Lehrpraxisstelle, als fertiger Doktor zu einem einem Akademiker angemessenen Stundenlohn von immerhin knapp über 1,85 €, in Worten: ein Euro und 85 cent.
(Die an die Kammer und Sozialversicherung abzuführenden Summen betragen bei diesem Gehalt ca. 91 Euro.)

Aber immerhin, ich kann so noch zu Hilfsarbeitern aufschauen, das ist wichtig, um sich als Akademiker nicht als etwas Besser(ausgebildet)es zu fühlen.

Nun, montags begann ich meinen Dienst, ließ mich am Nachmittag in der Ärztekammer in die Ärzteliste eintragen, und den Rest meines ärztlichen Karrierebeginnes, durchaus auch mit Rückblenden über echte und nur im umgangssprachlichen Sinne Verrücke, Patienten, die aus Angst Antidote nicht nehmen und dann zwecks Rücktransport per Flugrettung (um mich dann angeblich klagen zu wollen) eine Flugreise unternehmen anstatt das Spital aufzusuchen, Amtsärzte, welche einen wegen „zu freigiebiger Suchtgiftverordnung“ vorladen wollen, rabiate Chefärzte (ich fordere daher die Tollwutimpfung für Chefärzte!!!), für die zählt, daß nur ein toter Patient ein guter ist, und man somit sich bei der Therapie (vor allem Teureres betreffend) zurückhalten möge, sowie über Patienten, die einen binnen 30s nach Betreten des Raumes schon eine Klage androhen, erfahren allfällige werte Leser in der kommenden Zeit.

Agathodaimon

Werte Leser, ich berichte hier in meinem blog unter dem Pseudonym Agathodaimon über meine Turnuserfahrungen; momentan befinde ich mich in einer Lehrpraxis in Wien, wie es dazu kam und eine Auswahl des Folgenden folgt.

Gleich vorweg, dies dient zur Vorbereitung, ich möchte niemanden von einer Lehrpraxiserfahrung (und auch nicht vom Turnus im Krankenhaus) abschrecken, der Patientenkontakt „an der Front“ der medizinischen Versorgung ist sehr lehrreich bezüglich des Umganges mit Patienten, denn im Spital sind viele sehr spezielle Patienten sehr zurückhaltend, und in der Praxis jedoch genau diese durchaus geradezu frech und anlassig-fordernd.

Desweiteren eine Warnung, wie der aufmerksame Leser bemerken wird, neige ich zu Sarkasmus, Ironie und anderen gelegentlich zynischen Ausdrucksarten, daher bitte ich zwecks Verhinderung des Ausbrechens allfälliger Entrüstungsstürme auch zwischen den Zeilen zu lesen.

Ach ja, und an die werten Verantwortlichen von Ausbildungsstellenseite:
Dies dient nicht dazu allfällig Aufruhr auszulösen, sondern zu einer möglichst gerechten Berichterstattung im Sinne einer Information auch Ihrer, wodurch die Chance geschaffen werden soll, Vorgänge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, was wohl zu nicht nur meinerseits angestrebten Verbesserungen der Ausbildung beitragen kann und soll.

Kommentare

ArmstrongLucille31 User offline. Last seen 30 Wochen 3 Tage ago.
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 haha echt geil geschrieben! wie ich das hier gelesen habe dachte ich mir: hey woher kennt der typ mich und meine erfahrungen nach der sip6 Smile !
muss aber auch sagen...auch wenn die lehrpraxis schlecht bezahlt wird, man lernt schon einiges und merkt dass man nach 6 jahren studieren erst ganz am anfang des Lernens steht!

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